··· Dr. Rudolf Stockerl

Dr. Rudolf Stockerl, Studium der Chemie und Biologie für das Höhere Lehramt an der Universität Regensburg von 1979 bis 1984, Promotion in Chemie von 1985 bis 1988.

Als ich Ende 1992 von meiner ehemaligen Alma mater gefragt wurde, ob ich bereit wäre, dem neu ins Leben gerufenen "Verein ehemaliger Studierender der Universität Regensburg" beizutreten, habe ich nicht lange gezögert, die Beitrittserklärung zu unterschreiben. Insgeheim hatte ich mich nämlich nie richtig von der Universität "abgenabelt", die fast 10 Jahre lang mein Leben wesentlich mitbestimmt und bereichert hat.

Dabei hatte zu Beginn meiner Studienlaufbahn Regensburg noch keine Rolle gespielt. Wie so viele junge Leute war ich mir lange Zeit nicht klar darüber, welches Studium ich ergreifen sollte. Nachdem ich mein Abitur am Robert-Schuman-Gymnasium in Cham mit einer "Eins vor dem Komma" ablegen konnte, ließ ich mich mehr dazu überreden als ich wirklich überzeugt davon war, nun auch ein "hartes" Numerus-clausus-Fach zu studieren. Also schrieb ich mich im Wintersemester 1977/78 für das Fach Zahnmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg ein, ohne eine genauere Vorstellung davon zu haben, was mich eigentlich erwarten würde. Spätestens bei der Erstsemesterbegrüßung hätte ich allerdings stutzig werden müssen, als der Klinikchef eine gewisse "künstlerische Ader" und handwerkliches Geschick als sehr hilfreiche Eigenschaften eines Zahnarztes in spe bezeichnete. Es kam schließlich, wie es kommen mußte: Desillusioniert und demoralisiert von den alles dominierenden zahntechnischen Praktika brach ich – zum Entsetzen meiner Familie und meiner Freunde – nach dem zweiten Semester ab.

Nach meinem Wehrdienst, denn ich wegen des nun weggefallenen Zurückstellungsgrundes nachholen mußte, entschloß ich mich als "gebranntes Kind" endlich das zu studieren, was mir in der Schule am meisten Spaß gemacht hatte, nämlich Chemie. Um mir auch den Beruf des Lehrers offenzuhalten, begann ich im Wintersemester 1979/80 mit dem Studium der Chemie und Biologie für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Regensburg. Von der Studienberatung wurde mir versichert, daß eine Promotion im Fach Chemie auch mit dem ersten Staatsexamen für das Höhere Lehramt möglich wäre. Meine Studienzeit an der Universität Regensburg war sicher der schönste Abschnitt in meinem bisherigen Leben. Gerade die harmonische Mischung aus interessanten Studieninhalten, wie spannende Chemiepraktika oder reizvolle botanische Exkursionen in das wunderschöne Regensburger Umland, und den vielen geselligen Ereignissen auf dem Campus oder in den zahlreichen Studentenwohnheimen werden mir immer in doch etwas sehnsüchtiger Erinnerung bleiben.

Nach dem ersten Staatsexamen Anfang 1985 verspürte ich keine große Lust auf den Lehrerberuf. Nach einem kurzen Intermezzo an der Seminarschule in Weiden streckte ich meine Fühler wieder nach der Uni aus und war glücklich, als ich die Möglichkeit bekam, am Institut für Physikalische und Makromolekulare Chemie zu promovieren. Für meinen geschätzten Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Hans-Helmut Kohler, fühle ich große Dankbarkeit, weil er mich bei meinen grundlegenden Untersuchungen über die Nutzung der Latentwärme von Salzhydraten zur Speicherung von Sonnenwärme am Beispiel des Glaubersalzes stets unterstützte, v.a. wenn die Probleme wieder mal theoretischer Natur wurden. Auch wenn wir am Ende keinen anwendungsreifen Latentwärmespeicher präsentieren konnten, so konnten wir mit unseren Ergebnissen doch zufrieden sein.

Nach meiner Promotion Ende der 80er Jahre – noch vor der Wendezeit – verzeichnete die deutsche Wirtchaft, v.a. die Chemieindustrie, einen solchen Boom, daß ich mich über mangelnde Angebote auf dem Arbeitsmarkt glücklicherweise nicht beklagen konnte. Ich entschied mich schließlich für einen "Schreibtischposten" als Gefahrstoffreferent bei der Textil- und Bekleidungs-Berufsgenossenschaft in Augsburg, eigentlich eine interessante und verantwortungsvolle Aufgabe, aber als einziger Chemiker in einer großen Abteilung vermißte ich doch das Gespräch unter Fachkollegen sehr.

Bereits nach knapp zwei Jahren wechselte ich deshalb in die staatliche Umweltverwaltung, zum Bayerischen Landesamt für Wasserwirtschaft (LfW) in München. Weil in der Wasserwirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr der Schutz der Gewässer vor Umweltschadstoffen in den Vordergrund trat, sind inzwischen eine ganze Reihe von Naturwissenschaftlern, v.a. auch Chemiker, in der bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung, zu der auch 23 Wasserwirtschaftsämter gehören, beschäftigt. Innerhalb der Abteilung Grundwasserschutz des LfW bin ich für die Bewertung wassergefährdender Stoffe zuständig. Dies umfaßt in erster Linie alle Chemikalien, mit denen in Industrieanlagen umgegangen wird, aber auch Recyclingmaterialien oder Abfallstoffe, die bei Verwertungs- oder Ablagerungsmaßnahmen Auswirkungen auf das Grundwasser haben können. Inzwischen bin ich bereits knapp sechs Jahre in der Umweltverwaltung tätig. Ich habe viel Freude an meiner Arbeit, weil sie abwechslungsreich ist und auch noch viel mit der geliebten Chemie zu tun hat. Auch das Gefühl, mit meinem Fachwissen einen Beitrag für den Schutz unserer Umwelt leisten zu dürfen, bedeutet mir viel.

Meine nicht gerade zielstrebige Studienlaufbahn ist wohl ein gutes Beispiel dafür, daß man trotz einiger Anläufe und Umwege auch zu seinem beruflichen Ziel gelangen kann. Ich kann jedem jungen Menschen, der vor oder bereits im Studium steht, nur raten, sich bei der Entscheidung für ein Studium zumindest nicht vorrangig von den späteren Verdienstmöglichkeiten oder dem gesellschaftlichen Stellenwert eines Berufes leiten zu lassen, sondern das zu studieren, was einem in der Schule wirklich Spaß gemacht hat. Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als drei oder vier Jahrzehnte einen Beruf ausüben zu müssen, von dem man sehr schnell frustriert ist.