··· Anton Hunger

Universität Regensburg: Finale Grande

Anton Hunger, Autor dieses Beitrags, studierte nach einer Schriftsetzerlehre (Bleisatz) und einem anschließendem journalistischen Volantariat an den Universitäten Tübingen und Regensburg Volkswirtschaftslehre, Poltikwissenschaft und Soziologie (1970 bis 1975). Nach seiner Tätigkeit als Regionalplaner in Tübingen war er Wirtschaftsredakteur bei der "Stuttgarter Zeitung", danach stellvertretender Chefredakteur beim "Industriemagazin/TopBusiness" in München. Seit Oktober 1992 ist Anton Hunger Kommunikationsdirektor bei der Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG, Stuttgart.

"Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis" – was um alles in der Welt fängt man mit dieser Marx’schen Erkenntnis in einem Industriebetrieb, noch dazu in einem mit dem Reiz-Namen "Porsche", heute an? Gelehrt vom tiefsinnigen Professor Winfried Vogt, Begreifungsversuche unternommen mit den Kommilitonen – und lieber noch: den Kommilitoninnen -, sich damit wichtig gemacht in der Studentenkneipe "Oma Plüsch" ("also, weißt Du, der Fetischcharakter der Ware …", das macht sich gut bei einem Bier), nur um zu erfahren, was die Welt im innersten zusammenhält: "Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt."

Klar? Na also. Fragen Sie mal sogenannte "High Potentials", die in jüngster Zeit aus Harvard, Fountainbleau oder Stanford die Unternehmen heimsuchen nach dem "Fetischcharakter der Ware". Sie werden schnell feststellen, dass diese Leute nichts damit anfangen können.

Und nützt’s deshalb? Ja, selbstverständlich. Man muss nur in die Gesichter der "Unwissenden schauen – und spürt ganz plötzlich: Man hat doch für’s Leben studiert.

Doch was bedeutet schon Nützlichkeit? Der reine Nutzwert eines Porsche ist verhältnismäßig gering, vergleichbar etwa dem eines Kleinwagens. Gesichtsbräune erreicht man schließlich auch in anderen Cabrios (nur nicht so schnell). Und trotzdem ist Porsche heute das wirtschaftlich erfolgreichste Automobilunternehmen der Welt (Umsatzrendite 11,3 Prozent), hat das Produkt den höchsten Aufforderungswert aller Fahrzeuge und kann die Begehrlichkeiten kaum bremsen.

Da stimmt doch einfach, was Marx – ohne Kenntnis von Porsche – schon immer wußte: "Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken". Und damit die Erklärung dann wirklich auf Porsche passt, fährt er fort: "Der mystische Charakter der Ware entspringt nicht aus dem Gebrauchswert."

Da haben wir’s also – die Erklärung für Porsches Erfolg. Nützliches kann jeder produzieren, richtig Geld bringt nur "Mystisches". Welche Business-School der Welt lehrt schon solche Einsichten?

Weil mir das aber damals in Regensburg noch nicht so einsichtig war, habe ich mich während des Studiums mehr dem John Maynard Keynes hingegeben – in blindem Glauben, von ihm die Antwort auf die Sinnfrage allen Wirtschaftens zu erhalten, um heute festzustellen, dass auch er eigentlich nicht mehr so en vouge ist. Und weil alle "High Potentials" nur noch die Neoklassiker und ihre Lehren kennen (passt auch besser ins Internetzeitalter), bleibt die Verblüffung beim Diskurs um die Frage, ob Keyne’s "Allgemeine Theorie" nicht doch eher die Ausnahme ist, nachgerade in den Backenknochen hängen. "In the long run we are all dead", erklärte der Börsenzocker Keynes und hat damit eigentlich die Grundlage zum heute gültigen "Just do it" gelegt. Da wird die Tagesaktualität von Keynes plötzlich nicht mehr bestritten.

Das und noch viel mehr habe ich von der Uni Regensburg mitgenommen. So zum Beispiel auch, dass ich als gelernter Journalist und studierter Volkswirt dem Marx seine Artikel gerne mal redigieren würde. Schließlich liegt das Wesen der Aufklärung (nicht nur, aber auch) darin, komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen.

Denn das hat der Marx wahrlich nicht beherrscht, weshalb ich allen spielwütigen Internetsurfern dringend abrate, sich mit seinen Texten auch nur annähernd zu befassen. Das ist nämlich kein Amüsierthema. (Nur zur Info: den vorliegenden Text über den Fetischcharakter habe ich mir mangels dickbändiger Werke im Büro aus dem Internet geholt. Empfehlung deshalb an alle Surfer, die plötzlich auf seine Texte stoßen: Schnell weiterblättern zum nächsten Börsendienst, da fühlt man sich wieder zu Hause).

Und noch ein Apercu aus der Donaustadt: Den Regensburger Walter Röhrl habe ich erst nach meinem Studium kennen gelernt, genauer: erst bei Porsche. Er ist Repräsentant in meiner PR-Abteilung – ein gefragter, ein kompetenter und vor allem ein glaubwürdiger Mensch. Der schrieb mir zu meinem 50. Geburtstag (ist schon eine Zeitlang her), dass ich gar kein schlechter Mensch sein könne – mit der messerscharfen Begründung: "Die Universität unserer Stadt hat bisher nur Menschen entlassen, die gut sind und sich erfolgreich behaupten."

Da soll noch einer sagen, dass das Studium in Regensburg weniger als eins in Harvard bringt. Danke Karl (M.), danke Joh. (M.K.), danke Winfried (V.), danke Walter (R.).

Weiter so – und Röhre als Testimonial für die nächste PR-Aktion der Uni nicht vergessen. Den Erfolg könnt ihr dann beim "Kneitinger" im Biergarten feiern.